Meine 3 Wünsche an deutsche Agenturverbände

Heute findet der seit über 30 Jahren erfolgreiche GWA Effie in Frankfurt am Main statt. Im Rahmen des GWA Effie Kongresses 2015 werden auch die Präsidenten des GWA, DDV, BVDW, GPRA und OMG zu einer Podiumsdiskussion zusammenkommen. Das freut mich sehr, denn ich halte dies für dringend notwendig und habe in den letzten Jahren mehrfach einzelne Verbandsmanager darauf hingewiesen. Dieses Treffen möchte ich gern zum Anlass nehmen, Wünsche an die deutschen Agenturverbände zu formulieren, um dadurch vielleicht andere Interessierte mit ähnlicher Meinung anzuregen, gemeinsam und im Sinne der Sache eine entsprechende Diskussion in Gang zu setzen.

Meine 3 Wünsche an die Agenturverbände:

Wunsch 1: Eine gemeinsame Interessenvertretung für alle Agenturen schaffen

Es gibt nicht den Agenturmarkt! Die Agenturbranche ist sowohl in ihrer Innen- als auch in ihrer Außenwirkung sehr stark zersplittert und in Einheiten oder kleinen Grüppchen organisiert. Es gibt beispielsweise Werber, die keine Werber mehr sein wollen. Es gibt PRler, die ihre Rolle im Content Marketing zum Teil noch suchen. Es gibt Dialoger, die sich teilweise in Richtung digital oder integrierte Kommunikation entwickelt und damit in ihrer Urform weitestgehend aufgelöst haben. Es gibt Eventler, die sich als „Live“ bezeichnen und Designer, die mehr für Branding und Marke stehen wollen. Und neben weiteren Gruppen gibt es die Digitalen, die es in kurzer Zeit so wohl nicht mehr geben wird, weil digital über kurz oder lang überall integriert sein wird.

Hinter diesen Interessengruppen stehen jeweils unterschiedliche Agenturverbände, die für sich aber nur einen Bruchteil aller Agenturen in ihrem Bereich zu ihren Mitgliedern zählen. Aus meiner Sicht braucht es dringend eine Institution, einen Verband, eine Interessensvertretung, in der sich ALLE Agenturen wiederfinden und von der sie sich ALLE repräsentiert fühlen. Die Branche braucht ein WIR-Gefühl und ein WIR-Auftreten. Warum? – Damit auch mein zweiter und dritter Wunsch in Erfüllung gehen können:

Wunsch 2: Die Reputation und den Wertbeitrag von Agenturen steigern

Seit Jahren beklagen sich die Agenturen, dass sie von Kunden nicht ernst genommen und von ihnen nicht angemessen vergütet werden. Aber warum ist das so? Die Agenturbranche schafft es seit Jahren nicht, Kunden und deren Vorstände davon zu überzeugen, dass Agenturen einen hohen und meist essenziellen Wertbeitrag für Unternehmen und Marken leisten. Fakt ist, dass Agenturen heute für Unternehmen systemrelevante Leistungen erbringen. Kein nennenswertes, werbungtreibendes Unternehmen ist ohne Einsatz von Agenturen heute noch wettbewerbsfähig und keine Marke kann ohne die Unterstützung von Agenturen entstehen oder überleben. Leider wird derzeit nirgendwo dieser Beitrag der Agenturbranche ermittelt, belegt oder öffentlich kommuniziert. Eine Lösung könnte sein, diesen Wertbeitrag und die Wichtigkeit unserer Agenturbranche bei Kunden, aber auch bei Verbänden und in der Politik zu verdeutlichen. Wenn Agenturen es schaffen, in aufmerksamkeits-starken Kampagnen für Handwerks- oder Versicherungsverbände zu werben, sollte es ein Leichtes für die Agenturbranche sein, dasselbe auch in eigener Sache zu tun.

Macht eine Kampagne und werbt für die Werbung. Ein sehr gutes aktuelles Beispiel, das so etwas durch viele Agenturen gemeinsam funktionieren kann, ist derzeit die Initiative „Feuer & Flamme“ in Hamburg. Hier machen viele Agenturen gemeinsam, hoch engagiert und pro bono einen wichtigen Job für Hamburg und ganz Deutschland.

Und natürlich reicht eine Kampagne allein nicht aus. Um Unternehmen und Marken vom wirklichen Wertbeitrag überzeugen zu können, eignen sich zum Beispiel sehr gut reale „best cases“. Nicht nur in Richtung Effizienz, wie der GWA Effie dies seit Jahren sehr gut macht, sondern mit Kennziffern, die auch für die Finanzmärkte, -vorstände und Vorstandsvorsitzenden relevant sind.

Wunsch 3: Die Branche für den Nachwuchs attraktiv machen

Wir arbeiten, auch wenn es etwas vulgär klingen mag, in der „geilsten“ Branche, die es gibt. In keiner Branche gibt es mehr Quereinsteiger, mehr Karrierechancen, mehr Teamwork und mehr Möglichkeiten, sich selbst zu verwirklichen. Die Agenturbranche ist ein Schmelztiegel von Talenten und Individuen. Doch die heutige Jugend hat diese Branche bei der Berufswahl oft nicht mehr auf dem Radar. Junge Berliner Startups, Technologie-Unternehmen oder vielleicht auch die direkte Selbstständigkeit erscheinen vielen Anfang- bis Mittzwanziger oftmals interessanter und relevanter für ihre Berufswahl sowie ihre Work-Life-Balance. Agenturen werden heute zumeist eher als Ausbeuter gesehen, bei denen man zu wenig Geld verdient und bis spät in die Nacht arbeiten muss. Dieses Bild hat die gesamte Branche selbst gezeichnet und dies gilt es schnellstmöglich zu ändern.

Wenn es unserer Branche nicht gelingt, den heutigen Nachwuchs zu gewinnen, systematisch auszubilden und zu binden, wackelt das Geschäftsmodell Agentur mittelfristig. Nur durch frisches Blut, frische Denke und neue Impulse können Kreativität und Wirtschaftlichkeit beibehalten werden. Nur wer jetzt ausbildet, sichert sich sein mittleres Management von morgen. Dieses Problem kennen wir und hatten es direkt nach der New Economy 2002 schon einmal, mit Auswirkungen bis heute. Kein Nachwuchs = kein Geschäftserfolg – so einfach lautet die Formel.

Daher wünsche ich mir von einem Verband (o. ä.) der gesamten Agenturbranche Initiativen und Maßnahmen, die dem Nachwuchs aufzeigen, wie toll unsere Branche heute und in Zukunft weiterhin ist – und gemeinsam können wir das schaffen!

Es würde mich sehr freuen, wenn meine 3 Wünsche und Hoffnungen an die Präsidenten der Agenturverbände in Erfüllung gehen und zur Diskussion beziehungsweise zum weiteren Austausch darüber beim heutigen Treffen anlässlich des GWA Effies 2015 beitragen können.

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3 Comments

  1. Wilbert Says :

    Posted on 5. November 2015 at 18:28

    Oliver,

    Da hast Du einige wichtige und interessante Punkte aufgeworfen. Fokussierung auf die Leistung ist wichtiger als interne Verteilungskämpfe zu führen.. Ergänzend möchte ich anfügen, das es hier noch mehr um einen Kommunikationsdachverband gehen müsste, der alle, aber auch wirklich alle, unterschiedlichen Disziplinen von Unternehmens- und Markenkommunikation zusammenfasst. Im ADC gibt es ja schon ein recht weites Spektrum, aber da ginge noch viel mehr. Der Bereich Kommunikation ist sehr groß, aber alle verfolgen am Ende das gleiche Ziel: Den Umsatz des Kunden zu beflügeln- durch Kommunikation.
    LG
    Wilbert

  2. Dietrich Schulze van Loon Says :

    Posted on 6. November 2015 at 10:22

    Lieber Oliver,

    Du hast es auf den Punkt gebracht!

    Beste Grüße

    Dietrich

  3. Oliver Klein Says :

    Posted on 6. November 2015 at 18:49

    Nach nur einem Tag haben wir sehr viele, positive Kommentare und Emails dazu bekommen. Vielen Dank.

    Und soeben hat auch die HORIZONT dieses Thema aufgenommen: http://www.horizont.net/agenturen/nachrichten/Interessenvertretung-Verbaende-wollen-Dialog-intensivieren—aber-vorerst-keine-neue-Dachorganisation-137301

    Vielleicht kommt hier ja etwas in Gang. Macht mit!

    Oliver

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